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28. Januar 2016

Habe ich etwas vergessen?

„Auf den Arbeitsplatz kommt es an, Dummkopf!“ Dies ist eine Abwandlung von „Auf die Wirtschaft kommt es an, Dummkopf“, dem allseits bekannten Spruch, den James Carville als Wahlkampfstratege während des Wahlkampfs von Bill Clinton im Jahr 1992 gegen den amtierenden Präsidenten George H. W. Bush prägte. Dasselbe könnte man über den Arbeitsplatz sagen, da der Arbeitsplatz einen wesentlichen Mehrwert für das Facility Management ausmacht.

Artikel - Soziophysik

Dieser Artikel befasst sich mit Erkenntnissen aus dem Buch "Social Physics" von Prof. Alex Pentland und überträgt sie auf den Bereich Facility Management.

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Es werden Profis benötigt, um einen geeigneten Arbeitsplatz zu schaffen, wobei der Begriff „geeignet“ je nach Art des Unternehmens, erheblich variiert. Es bedarf erfahrener Spezialisten, um Arbeitsplatzanforderungen zu definieren und zu verstehen, mit finanziellen Einschränkungen umzugehen und Arbeitsplatzkonzepte zu entwickeln, die nachhaltig sind.

Dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass wir einige der grundlegenden Erkenntnisse und Einsichten vollständig begreifen, doch genau das würde uns dabei helfen, noch bessere Arbeitsplätze zu schaffen, als wir sie heute haben. Was genau ist also ein „besserer Arbeitsplatz“? Lassen Sie uns für einen Moment bei dieser Frage verweilen und uns den Begriff „Arbeitsplatz“ näher anschauen. Arbeitsplatz ist eine Zusammensetzung aus zwei Worten: ein Platz, an dem Menschen arbeiten. Wir „arbeiten“, um unserem Unternehmen einen Mehrwert zu verschaffen. Es ist nicht verwunderlich, dass der Begriff „Produktivität am Arbeitsplatz“ häufig verwendet wird. In der Tat ist das Verständnis der Prinzipien hinter der „Produktivität am Arbeitsplatz“ so etwas wie der Heilige Gral unserer Branche.

Arbeit besteht aus einer Vielzahl von menschlichen Tätigkeiten, von denen die meisten Interaktionen mit anderen Personen umfassen: Wir kooperieren, arbeiten in Teams, und unsere Tätigkeiten sind in einen Kontext von Prozessen eingebettet. Mit anderen Worten ist die Arbeit eine soziale Tätigkeit, in deren Mittelpunkt das menschliche Verhalten steht. Und genau hier kann einiges schieflaufen: bei unserem Verständnis des menschlichen (sozialen) Verhaltens.

Viele herausragende, aktuelle Publikationen brachten mich zu dieser Erkenntnis. Die erste ist „Social Physics“ (Sozialphysik) von Professor Alex Pentland, Leiter des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology und Mitglied des Weltwirtschaftsforums. Pentland spricht sich für eine neue Wissenschaft namens Social Physics aus, die auf umfangreichen Messungen der menschlichen Tätigkeiten und dem Einsatz von Analysetechnologien basiert, um zu verstehen, was das Verhalten und dessen Effektivität wirklich ausmacht.

Er beschreibt den Mechanismus des „sozialen Lernens“ als eine sehr schnelle Art des menschlichen Lernens. Ohne weiter ins Detail zu gehen (ich empfehle Ihnen stattdessen, das Buch selbst zu lesen), gebe ich Ihnen hier eine kurze Zusammenfassung.

Gesellschaften (wie z. B. Organisationen und Unternehmen) setzen sich aus Menschen zusammen, die auf die eine oder andere Weise sozial miteinander verbunden sind. Jeder Mensch hat enge und weniger enge Verbindungen mit anderen. Innerhalb jedes Unternehmens (Gesellschaft) gibt es mehrere Gruppen von enger miteinander verbundenen Menschen (beispielsweise eine Abteilung oder ein Team).

Die erste Stufe des sozialen Lernens ist die „Exploration“ (Erforschung, Erkundung), bei der Menschen mit anderen interagieren und Ideen auszutauschen. 

In der zweiten Stufe werden die wertvollsten Ideen identifiziert und umgesetzt, wobei sie in die Praktiken der Gemeinschaft (Team, Unternehmen) eingebettet werden. Pentland bezeichnet das als „Engagement“ (Einbindung).

Pentland hat festgestellt, dass die Erfolgsrate eines Unternehmens durch die Menge neuer Ideen beeinflusst wird. In einem Experiment wurden alle Interaktionen von Finanzhändlern überwacht und der Gewinn der Handelsgeschäfte beobachtet. 

Die Gruppe von Händlern, die alleine arbeiteten, war ziemlich isoliert. Ihre Kapitalrendite ist deutlich geringer im Vergleich zu der Gruppe von Händlern, die ihre Ideen intensiv austauschten, jedoch nur innerhalb einer relativ statischen Gruppe von Kolleginnen und Kollegen. Pentland nennt das die Echokammer.

Die erfolgreichste Gruppe von Händlern war diejenige, die Ideen weniger intensiv austauschte, aber auch mit Menschen Ideen austauschte, die sie nicht wirklich gut kannte.

Was bedeutet das für den Arbeitsplatz und für die Arbeitsplatzgestaltung? Nun, da wir das Sozialverhalten besser verstehen, ist es vielleicht an der Zeit, unsere Arbeitsplatzstrategien zu überdenken, damit diese Arten menschlicher Interaktionen und sozialen Lernens auch wirklich stattfinden können. Aber es steckt noch mehr dahinter. Ein Neurowissenschaftler veröffentlichte ein Buch über die Unfähigkeit des menschlichen Gehirns, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun (sog. Multitasking). Ein interessantes Thema für einen der nächsten Blogs.

Erik Jaspers
Global Product Strategy & Innovation Director